Tödlicher Tropfen
 

In der letzten halben Stunde hatte sich ein heftiges Unwetter zusammengebraut. Finstere, gewaltige Wolken trieben ihr kriegerisches Spiel am nächtlichen Himmel. Nicht mehr lange, dann würden sie sich von ihrem schweren Ballast, den sie in ihren prall gefüllten Bäuchen mit sich trugen, befreien. Es sah aus, als würde jeden Augenblick die Welt untergehen. So, als nahten die sieben apokalyptischen Reiter, um das jüngste Gericht einzuleiten. Ein Furcht erregender Sturm blähte sich auf und fegte wie ein wütendes Ungeheuer laut tosend über die Stadt hinweg. Die heftigen Windböen rüttelten ungestüm an den altersschwachen Fensterläden des Palazzo und ließen sie laut klappernd in ihrer rostigen Verankerung erzittern.

Die Contessa wälzte sich seit Mitternacht ruhelos hin und her. Aber an ihrem unruhigen Schlaf war nicht etwa der Sturm schuld - von dem hatte sie bisher noch gar nichts mitbe-kommen -, sondern die schaurigen Bilder, die seit Stunden ihre Träume beherrschten. Ein greller Blitz, der sich seinen Weg durch einen aus dem Scharnier gerissenen Fensterladen gebahnt hatte, erhellte das Schlafzimmer und riss die Contessa aus ihrem Traum. Aber das grelle Licht, das sie hinter ihren geschlossenen Augen für einen kurzen Moment wahrgenommen hatte, war bereits wieder erloschen. Im Zimmer war es dunkel. Grollender Donner erschütterte die Nacht. Eine Sturmböe hatte das Fenster aufgedrückt. Der Vorhang flatterte wie ein aufge-blasener Fallschirm in der Luft. Sie wollte aufstehen, um das Fenster zu schließen, aber eine geheimnisvolle Macht hinderte sie daran. Sie versuchte dagegen anzukämpfen. Doch die magische Kraft, die sie in ihrem Bann hielt, war mächtiger, viel mächtiger. Sie war wie gelähmt. Ein neuerlicher Blitz erhellte das Zimmer. Der Donner, der darauf folgen sollte, blieb aus. Stattdessen schwebte, wie von Geisterhand getrieben, ein fluoreszierender Lichtkegel durchs offene Fenster, der sich langsam auf sie zu bewegte. Sie fröstelte, zog die Decke über sich und schloss die Augen. Das war nicht wirklich, nur ein böser Traum. Wenn sie jetzt erwachte und die Augen öffnete, war der Spuk vorbei. Zuversichtlich, dass sie Recht hatte, wagte sie es, ihre Augen zu öffnen. Doch das Licht war noch da. Sie schrie auf. »Zum Teufel noch mal, wer bist du? Was willst du von mir?«

Das leuchtende Etwas, das jetzt die Gestalt einer riesigen Seifenblase angenommen hatte, bewegte sich weiter auf sie zu. Plötzlich tauchten inmitten der durchsichtigen Hülle schmerz-liche Bilder auf, Bilder, die sie längst aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Sie sah den zerbeulten Wagen, der sich nach dem schweren Unfall mehrmals überschlagen hatte. Ihren geliebten Bruder, der leblos hinter dem Steuer eingeklemmt war, ihre Schwägerin, die ein paar Meter entfernt, blutüber-strömt auf der nassen Straße lag und nach wenigen qualvollen Minuten den aussichtslosen Kampf gegen den Tod verloren hatte. Entsetzt wandte sie sich ab, dann wurde ihr Blick erneut von einem hellen Leuchten angezogen. Verschwommen nahm das Gesicht ihrer Nichte Gestalt an. Jedoch nicht das fröhliche Antlitz, das sie kannte. Sie sah traurig aus. Ihr Blick war leer und starr. Tränen standen in ihren Augen. Das beklemmende Gefühl von Angst kroch in der Contessa hoch. Was ging hier vor? Seit Wochen litt sie schon unter Albträumen, aber das hier war realer als all ihre Träume bisher. Eine Vision? Sie hatte schon einmal in einer Zeitschrift darüber gelesen, aber nie daran gedacht, dass ihr selbst so etwas widerfahren könnte. Welche Bedeutung hatten diese Bilder? Warum weinte Valeria? Was war mit dem Schatten, der sie in ihren Träumen verfolgte und vor dem sie sich hüten sollte?