Stille Schreie
 

Die kühle Abendluft ließ die Bewohner zwar noch etwas frösteln, aber der klare wolkenlose Märzhimmel deutete bereits darauf hin, dass der Frühling seinen Einzug in Verona ankündigte.

Der Mann hinter dem Steuer des altersschwachen, dunkelblauen Renault Clio, der etwas abseits der Straße im Schatten zweier Straßenlaternen stand, hatte sich soeben seine vierte Zigarette angezündet, als der rote Fiat Barchetta, den er seit einer halben Stunde ungeduldig erwartete, laut röhrend an ihm vorbeifuhr. Der Wagen hielt direkt vor der Eingangstür des Palazzo. Kurz darauf erloschen die Scheinwerfer. Der Fahrer stieg aus, drehte seinen Kopf ein paar Mal wachsam in der Dunkelheit hin und her, so als wäre ihm irgendetwas nicht ganz geheuer. Als er nichts Auffälliges bemerkte, schloss er die Tür zum Palazzo auf, riskierte noch einmal einen misstrauischen Blick nach hinten und verschwand dann im Inneren des Gebäudes.

Nachdem der Mann im Clio noch etwa zehn Minuten gewartet hatte, zog er die Lederhandschuhe über, holte die Beretta mit dem Schalldämpfer aus dem Handschuhfach und verließ den Wagen. Die Waffe hielt er unauffällig unter seiner abgenutzten Lederjacke verborgen. Nur etwa hundert Meter trennten ihn von seinem Ziel. Er ging langsamen Schrittes ein Stück den schmalen Gehsteig entlang, vergewisserte sich kurz, dass niemand in der Gegend war, überquerte die Straße und stieg die drei Stufen zum Palazzo hinauf. Vorsichtig drückte er die Klinke herunter. Die Tür war offen und er trat ein. Während er die Tür hinter sich wieder schloss, vernahm er ein leises Quietschen. Das Geräusch ging jedoch in dem ohrenbetäubenden Knattern eines Motorrades unter, das in diesem Augenblick draußen vorbeifuhr. Trotzdem hielt er für einen Moment inne, um sicher zu gehen, dass der Mann im Haus das Quietschen der Tür nicht gehört hatte. Vor ihm lag eine graue Marmortreppe, deren Stufen in einem leichten Rechtsbogen nach oben führten. Eine einzelne verstaubte Glühbirne an der Decke verströmte nur mattes Licht. Bedächtig schraubte er den Schalldämpfer auf die Beretta und stieg dann Stufe für Stufe langsam nach oben.

Der Mann, auf den er es abgesehen hatte, stand, ihm den Rücken zugewandt, am Ende des langen Ganges und schaute aus dem Fenster. Als er das leise Knarren des alten Holzbodens unter den näher kommenden Schritten vernahm, drehte er sich blitzschnell um.

»Da sind Sie ja endlich«, sagte er etwas verärgert.

Dann sah er plötzlich die Pistole, die aus ein paar Metern Entfernung auf ihn gerichtet war. Der Anblick der Waffe ließ ihn vor Schreck erstarren. Seine Hände wurden feucht und begannen zu zittern. Sein Gesicht färbte sich leichenblass.

»Che...che...vu...vuol...dire? Was soll das?« stotterte er entsetzt und blickte vor Angst gelähmt in die Mündung des Schalldämpfers.

Die Antwort auf seine Frage blieb aus. Stattdessen hörte er nur ein leises Klicken, als die Waffe entsichert wurde. Er wusste, dass es keine Möglichkeit zur Flucht gab. Er war seinem Schicksal machtlos ausgeliefert.

»Per carità, no....«, rief er, als könnte er das drohende Unheil damit abwenden.